Poesie und Narrheit

Jede Gesellschaft hat ihre verbindlichen Normen und stillschweigenden Vereinbarungen, welche Verhaltensweisen als „normal“ und welche als „abweichend“ eingestuft werden. Und jede Gesellschaft hat ihre eigene Art, mit Menschen umzugehen, die nicht dieser Norm entsprechen können oder wollen. Künstlern wird zwar häufig eine größere Freiheit zugestanden – bisweilen wird von ihnen sogar eine gewisse Abweichung von der Norm erwartet – doch auch hier gibt es Grenzen. Künstlern, die zu sehr von den vereinbarten Regeln abweichen, drohten und drohen je nach Gesellschaftsform Haft, Vertreibung oder eine durch die unbarmherzigen Regeln des freien Marktes verordnete Bedeutungslosigkeit.

Bekannt ist die Geschichte des psychisch kranken Dichters Friedrich Hölderlin, der sich einer psychiatrischen Zwangsbehandlung unterziehen musste, ehe er, als unheilbar krank entlassen, 36 Jahre lang ein von der Welt zurückgezogenes Leben in einem Turmzimmer fristete und als „Tübinger Attraktion“ von Schaulustigen begafft wurde. Bis weit ins 20. Jahrhundert diskutierten Literaturwissenschaftler, ob die Werke aus seiner zweiten Lebensphase in Gesamtausgaben aufzunehmen oder als „krank“ und „sinnlos“ zu verwerfen seien. Damals wie heute stellt sich die Frage, wo die Grenze zwischen „normal“ und „krank“ verläuft, wer diese Grenze definiert und wie eine Gesellschaft mit denjenigen verfährt, die nicht der Norm entsprechen.

In einer Projektwoche beschäftigen sich Neutklässler des Fürstenberg-Gymnasiums Donaueschingen sowohl mit dem Leben und künstlerischen Schaffen Hölderlins als auch mit Heinz Holligers kongenialer Vertonung seines Gedichtzyklus’ „Die Jahreszeiten“. Ausgehend von Hölderlins Schaffen gehen sie der Frage nach, wie wir heute mit Menschen umgehen, die gesellschaftlichen Konventionen nicht entsprechen können oder wollen. Mit Ausdrucksmitteln der Neuen Musik und des zeitgenössischen Theaters entwickeln die Schüler gemeinsam mit einem Komponisten und einer Theaterpädagogin eine eigene Performance. Höhepunkt des Projekts ist die öffentliche Präsentation der Performance und der Besuch eines Konzerts mit dem SWR Vokalensemble Stuttgart, in dem Holligers Vertonung der „Vier Jahreszeiten“ zu hören ist. Die Schüler haben zudem die Möglichkeit, mit den Sängern des Vokalensembles in Kontakt zu kommen und direkt von den Profis Einblicke in experimentelle Stimmtechniken zu erhalten.

Ein Projekt des Netzwerk Neue Musik Baden-Württemberg im Rahmen des Festivals „upgrade“ in Donaueschingen. In Kooperation mit dem SWR-Vokalensemble

Projekttage: 15.–17.02.2017

Aufführung und Konzertbesuch: 24.03.2017 19:00 Uhr in den Donauhallen Donaueschingen

Regie: Eva Gödan

Komposition und Projektleitung: Johannes Voit