Heimlicht – Modernes Musiktheater für die Johannstadt

Im November 2012 verwandelten wir ein Hochhaus in der Dresdner Johannstadt in eine Bühne, auf der es viel zu entdecken gab: Barocke Damen, die sich beim Kaffee über die Vorteile einer Neubauwohnung austauschten, Tänzer in der Duschkabine, ein Streichquartett im Badezimmer, menschliche Bewegungsmelder, private Einblicke durch das Schlüsselloch, alltägliche und skurrile Rituale verbanden sich zu einem Kaleidoskop aus Geschichten, Aktionen, Bildern und Klängen, die sich auf dem schmalen Grad zwischen Realität und Inszenierung bewegten. In zwei vierstündigen Aufführungen konnten sich die rund 500 Besucher ihr eigenes Stück „erlaufen“: Die einzelnen Szenen, die in Kellerräumen, Fluren, Fahrstühlen, dem Treppenhaus und in ausgewählten Privatwohnungen stattfanden, standen in keiner festgelegten Reihenfolge und wiederholten sich während der gesamten Aufführungszeit.

Entstanden ist das moderne Stationentheater in einer mehrmonatigen Workshop-Phase, in der sich rund 50 Laien aus der Dresdner Johannstadt mit der Frage beschäftigten, welche Bedeutung private Rückzugsräume im Zeitalter von Internet 2.0 für Menschen haben. Die Ideen der Teilnehmer flossen in das Ergebnis ebenso ein wie die Lebensgeschichten der Bewohner. Bei dem Projekt kamen Menschen zwischen 8 und 80 Jahren mit den unterschiedlichsten Lebensgeschichten zusammen. Sie brachten Ihre Ideen ein, steuerten Lieder und Geschichten bei, probten mit hohem Engagement und nahmen Kontakt zu den Bewohnern des Hochhauses auf, von denen einige ihre Wohnungen für die Aufführungen öffneten und Einblicke in ihr privates Reich gewährten. So brachte das Projekt nicht nur unterschiedlichste Menschen aus dem Stadtteil zusammen, sondern ließ auch die Bewohner des Hochhauses ein wenig enger zusammenrücken.

Die Wahl eines geeignetes Aufführungsorts fiel bereits 2010 auf den Wohnkomplex Johannstadt-Nord, der das Vorurteil zu bestätigen scheint, das den Plattenbauten aus DDR-Zeiten immer noch anhaftet: Fenster reiht sich an Fenster, Briefkasten an Briefkasten, Wohnung an Wohnung. Die 3800 Wohneinheiten gleichen einander wie ein Ei dem anderen. Wer den Blick hinter die Fassade wagt, stößt jedoch auf eine Vielfalt persönlicher Lebensentwürfe und individuell und liebevoll gestalteter Räume, die Ausdruck der soziokulturellen Vielfalt ist, welche die Johannstadt auszeichnet und einmalig in Dresden ist. Auf diesen spannenden Kontrast zwischen Anonymität und Persönlichkeit warf Heimlicht ein bunt schillerndes Schlaglicht.

Aufführungen: 16.11.2012 18.00–22.00 Uhr, 17.11.2012 16.00–20.00 Uhr

Ort: Hochhaus in der Pfeifferhannsstraße 19, 01307 Dresden

Veranstaltet vom JohannStadthalle e. V. in Kooperation mit Klangkulisse und dem Medienkulturzentrum Dresden. Ermöglicht durch die finanzielle Unterstützung des Fonds Soziokultur, der Wohnungsgenossenschaft Johannstadt eG und der Stadt Dresden
Regie und künstlerische Leitung: Eva Gödan
Komposition und künstlerische Leitung: Johannes Voit
Choreografie: Marita Matzk
Szenografie: Sophie Uchman

Stimmen der Besucher

Für den wunderschönen Abend mit den vielen lieben Gästen sowie den schauspielerischen Talenten, Musik, köstlichen Speisen und Getränken bedanke ich mich recht herzlich. Es war ein lustiger, unterhaltsamer Abend.

Ich bin begeistert von der Idee, Menschen zusammenzubringen, gemeinsames Erleben. Das sollte „Schule“ machen. Ich hoffe, diese Aktion wird Tradition! Alles Gute!

Ich finde die Idee, aus einem einfachen Wohnhaus eine Ausstellung zu machen, sehr schön. Diese Stimmung und Ausstrahlung sind dadurch nicht so kalt und fremd, als wenn es in einem Saal oder ähnlichem wäre. Generell sind hier in Deutschland die Türen viel zu oft verschlossen, das kenne ich aus der Ukraine nicht. Da sind die Türen immer offen. Danke für den schönen Abend und diesen teilweise persönlichen Einblick.

Ganz ganz herzlichen Dank für die tolle Gastfreundschaft! Wir sind total fasziniert von der Offenheit, die uns nur hier begegnet. Danke für den herzlichen Empfang u. die Bereitschaft, einen persönlichen Einblick in manche Wohnung zu bekommen. Ist für uns ein sehr spannender und horizonterweiternder Abend.

Es ist nach wie vor spannend … nach 50 Minuten im Haus braucht man immer noch Zeit, dies wahrzunehmen und alle Eindrücke zu fassen … die entsprechende Verarbeitung wird noch ganz viel Zeit in Anspruch nehmen. Großes Kompliment und ein Dankeschön an die Macher und Bewohner/-innen als Gastgeber.

Echt super Idee! Skurril, gemütlich, kreativ… Es müsste mehr solche Projekte geben!

Ist das gemütlich hier… und alle sind so nett & herzlich. Morgen kommen wir wieder – mit noch mehr Zeit & Ruhe.

Das Projekt hier in diesem Hochhaus finde ich toll, zumal alle Mitwirkenden hier aus dem Kietz sind. Es ist sehr interessant!!! Vielen, vielen Dank!

 

Stimmen der Teilnehmer

Für mich war das Projekt “Heimlicht” eine wunderbare Erfahrung. Es war ja ein Experiment, ein tolles Wagnis und ich muss sagen, ich hatte große Zweifel, dass das funktioniert. Einfach toll, dass sich so viele Leute fanden, bei diesem Projekt mitzuwirken. Rundum wurden fantastische Darbietungen kreiert und das kam alles von uns selbst! Unsere Regisseure waren sehr mutig, das Risiko einzugehen. Mit großem Geschick und Können haben sie uns zu diesen Leistungen geführt. Es war harte Arbeit – 4 Stunden durchhalten, aber es war auch richtig Spaß und Freude. Auch die Gemeinschaft mit den Anderen, die Kontakte und Gespräche  mit den Hausbewohnern – das alles war motivierend uns inspirierend. Leute, es ist noch nicht zu spät mit der Menschheit! Als wir nach dem Erfolg auseinandergingen, war schon ein großes Stück Wehmut dabei.

Es hat mich auch gefreut und sehr überrascht, dass die Aufführungen so gut besucht waren, dass es so viele Menschen gibt, die neugierig sind und sich auf Unbekanntes einlassen, die nicht nur fragen: was kostet es?, die interessiert an Ungewöhnlichem sind. Meine Freunde, die zur Vorstellung waren, waren allesamt begeistert und voller Lob (nicht nur für mich!).

Auch wenn es mitunter hart war, Arbeit, private Verpflichtungen, Haushalt  und Proben unter einen Hut zu bringen – ich bin froh, dass ich mitgemacht habe. Von den Eindrücken werde ich noch lange zehren. Danke an euch alle!

Sollte unbedingt an einer anderen Stelle fortgesetzt werden (Industriegelände, Büro- oder Verwaltungsgebäude, Schulhäuser,…) Ich wäre sofort wieder dabei.

Die Stimmung in der Gruppe und das Aufeinandertreffen so vieler verschiedener Menschen, die zielgerichtet am selben Projekt arbeiten, haben für mich persönlich einen großen Anreiz dargestellt und diese Wochen so interessant gemacht – an der Stelle ein Kompliment an die zeitliche und logistische Organisation. Ich arbeite ehrenamtlich in einem Verein, der Kinder- und Jugendarbeit betreibt und kenne die Herausforderungen, viele verschiedene Menschen zu koordinieren. Ihr habt das großartig gemeistert.

Danke für die klasse Zeit, ich habe sehr viel Spaß daran gehabt, über mich selbst so einiges gelernt und vor allem aber wunderbare Menschen kennengelernt!

 Ich danke euch für die Chance, an diesem Projekt teilnehmen zu dürfen. Es hat Riesen Spaß gemacht und ich habe auch einiges über mich selbst erfahren. Ich habe tiefen Respekt vor dem, was das Team hier auf die Beine gestellt hat. Bei einer Fortführung wäre ich gern dabei.

Es hat uns auch großen Spaß gemacht. Die Vorstellungen waren toll, das Publikum sehr positiv eingestellt und ich freue mich, dass ich so viele sympathische Menschen kennen lernen konnte.

 

Pressestimmen

„Spuk“ im Hochhaus: Viel Beifall für Stationentheater „Heimlicht“

Das von Johannstädtern organisierte Stationentheater „Heimlicht“ im 15-Geschosser Pfeifferhannsstraße 19 am Freitag und Sonnabend war ein Erfolg. 180 Menschen kamen am Freitagabend, 260 am Sonnabend, freute sich Tilo Rother vom Verein JohannStadthalle. Wer ein richtiges Theater im herkömmlichen Sinne erwartet hatte, sah sich allerdings getäuscht. Das begann schon im Eingangsbereich. Der eine oder andere schaute erst mal konsterniert, als er auf lustige Art mehr oder weniger genötigt wurde, Hausschuhe anzuziehen. Doch auf der Tour zwischen Keller und 14. Etage wurde dann klar, warum: Hier spielten Laiendarsteller aus der engeren und weiteren Umgebung, hatten mehrere Hausbewohner die Türen zu ihren Wohnungen weit geöffnet und luden zur Besichtigung und zum Schwätzchen ein.  […] Viel Beifall fanden die kleinen Konzerte im Minibad und der Tanz von vier Personen in der Dusche. Herzlich gelacht wurde im Keller. Dort versuchten zwei „Wühlmäuse“ aufzuräumen und nicht mehr benötigte Dinge auszusortieren. Wie das ausging, kann sich jeder denken – wie im richtigen Leben halt.

Dresdner Neueste Nachrichten, 19.11.2012

Ein ganzes Hochhaus macht Theater

Wie lebt es sich eigentlich in einem 15-Geschosser? Kennen sich die Mieter oder ist alles anonym? Die JohannStadthalle und vier Künstler starten mit Johannstädtern und Bewohnern des Hochhauses Pfeifferhansstraße 19 am 16./17. November ein tolles Projekt. Wohnungen und Flure werden zur Bühne für erheiternde, intime oder obskure Alltagsszenen; Fahrstuhlbegleiter in Frack und Zylinder geleiten die Gäste; im Keller stöbert eine „Wühlmaus“; in einer Dusche agieren mehrere Musiker und Tänzer; Barockdamen sinnieren über Plattenbau-Vorzüge; eine Familie versucht vergebens „Nach Hause zu Kommen“ und Alltagsgeräusche aus Küche und Wohnzimmer mischen sich zu einem ganz eigenen Sound. Was sich Eva Gödan (Regie), Johannes Voit (Komponist), Sophie Uchmann (Szenografie) und Marita Matzk (Choreografie) gemeinsam mit den Akteuren des soziokulturellen Zentrum JohannStadthalle ausgedacht haben, klingt nicht nur verrückt, es dürfte die verrückteste Dresdner Aufführung des Jahres werden. […] „Anfangs gab es viele fragende Gesichter, doch schnell fand eine Idee zur anderen“, umschreibt Eva Gödan den Prozess von der ersten Idee bis zum Konzept für „Heimlicht“. Der Name steht für zwei Dinge: das heimliche (=anonyme, intime) Leben und das Licht, das durch dieses Projekt auf den Alltag eines Johannstädter Hauses geworfen wird. Die Besucher dürfen gespannt sein auf die vielen kleinen Geschichten, die mit Augenzwinkern erzählt werden.

WochenKurier, 13.11.2012

Kein Spuk im Hochhaus: Mieter machen auf der Treppe Theater

Jetzt kommt richtig Leben in die Bude! Das Hochhaus an der Pfeifferhannsstraße 19 wird am 16. und 17. November zur quirlig bunten Bühne: Anwohner bitten unter dem Titel „Heimlicht“ zu einem Musik-Theater-Spektakel. Der Zylinder sitzt, der Anzug auch: Ursula Bleul (75) und „Charly“ Rüdiger (77) haben schon Lampenfieber. „Wir machen alles mit“, lachen sie. […] Das Paar gehört zu knapp 80 Johannstädtern, die – behutsam geführt von Künstlern und der „JohannStadthalle“ – in der Platte ein Experiment wagen. An 15 Stationen zwischen Keller und Dach agieren sie mit Feuereifer: Hier gibt‘s ein Tänzchen in der Dusche, da ein Streichquartett in der Küche, dort ein Guckloch mit Gute-Nacht-Geflüster oder die Geräuschkulisse eines Ehezoffs – und im 10. Stock ein Café zum Schwatz über Gott und die Welt. „Wir wollen das Hochhaus zum Klingen bringen, die Anonymität durchbrechen“, sagt Regisseurin Eva Gödan. „Die Ideen kamen von den Akteuren“.

Dresdner Morgenpost, 09.11.2012

Streichquartett in der Dusche

Reichen drei Quadratmeter für ein Streichquartett? Und wie passen vier Tänzer unter eine Dusche? Das Rätsel löst sich ausschließlich im Hochhaus Pfeifferhannsstraße 19. Der 15-Geschosser verwandelt sich am 16. und 17. November in eine komplette Theaterkulisse. […] Gespielt, getanzt und musiziert wird in Kellerräumen, auf Fluren und im Treppenhaus. Selbst durch Schlüssellöcher schauen ist erlaubt. „Heimlicht“ haben Regisseurin Eva Gödan und Komponist Johannes Voit ihr Wandeltheater genannt, das gemeinsam mit dem Verein Johannstadthalle entstand. Eine Kombination aus heimelig und heimlich sowie Heim und Licht. „Das Hochhaus verbinden wir einerseits mit Anonymität, andererseits mit ganz individuellen Rückzugsräumen“, sagt Voit. „Wir wollen Geschichten über die Bewohner erzählen, rücken ihnen ganz dicht auf die Pelle und zeigen sogar ihre privaten Gute-Nacht-Bring-Rituale“, so der Komponist. Entstanden sind die Ideen des Projekts in Workshops mit 45 Laiendarstellern, die alle aus dem Stadtteil stammen. Nach der Besichtigung des Hauses hatte eine Protagonistin die Idee zur Wühlmaus-Szene. Darin wird sie im Keller in alten Sachen wühlen. „Vielleicht hat sie sogar eine Leiche im Keller. Wir sind Voyeure, die sie beobachten können“, sagt Voit. Manches wird real erscheinen, obwohl es inszeniert ist. […] Begleitet werden Akteure und Besucher von einer Kulisse aus Alltagsgeräuschen, die Voit in elektronischen Kompositionen verarbeitet hat. […] Auch äußerlich wird das Hochhaus Furore machen. Auf die Fassade projizieren die Künstler eine große Installation. Das Tanztheater im Erdgeschoss-Klubraum ist auch von außen sichtbar. „Wir erlauben Einblicke“, sagt die Regisseurin. Das Herz des Hauses schlägt im zehnten Stock. Bewohner öffnen dort ihre Wohnungen […] und erzählen ihre Geschichten.

Sächsische Zeitung, 09.11.2012

Wühlmaus im Keller und Tanz in der Dusche

Das gab es wahrscheinlich noch nie: Ein bewohnter 15-Geschosser wird zum Theater. Akteure sind Johannstädter im Alter zwischen 8 und über 80 Jahren – allesamt Laien auf dem Gebiet der Schauspielerei. […] „Heimlicht“ heißt das Ganze und findet am 16. und 17. November im Hochhaus Pfeifferhannsstraße 19 in der Johannstadt statt. Jeweils vier Stunden an beiden Tagen kann man nach Art eines Stationentheaters und Wandelkonzerts zwischen etwa 15 Aufführungen bzw. Aktionen in fünf Wohnungen, sieben Fluren, in Treppenhaus, Keller und Gemeinschaftsraum pendeln und sich so seine ganz persönliche Musik-Tanz-Theater-Aufführung zusammenpuzzeln. […] Die Idee haben JohannStadthalle e.V., der Komponist Dr. Johannes Voit und Theaterpädagogin Eva Gödan gemeinsam entwickelt. Professionell unterstützt werden sie bei der Umsetzung von der Choreographin und Bewegungstherapeutin Marita Matzk und der Bühnen- und Kostümbildnerin Sophie Uchman. Ausgangspunkt für die vielen Szenen, die Intimes, Ritualisiertes, Obskures und Erheiterndes aus dem alltäglichen Leben aufnehmen, sind die Lebensläufe und Anregungen der auf irgendeine Art und Weise mitwirkenden Bewohner der Johannstadt. So haben sich die Gymnasiasten vom Benno-Gymnasium mit dem Thema „Klatsch und Tratsch im Hochhaus“ beschäftigt und unter Anleitung des Komponisten Johannes Voit im Treppenhaus eine musikalische Flüsterpost inszeniert. […] Jede Idee sei nicht nur an- sondern vor allem auch ernst genommen worden, freut sich Ursula Bleul. Die fröhliche und quirlige 75-Jährige, die selbst in der Pfeifferhannsstraße 19 wohnt und sich gleich unkompliziert als „Uschi“ vorstellt, hat mir ihrem Lebenspartner Karl Rüdiger („Charly“) für „Heimlicht“ Ehekrach gespielt. Zudem werden beide am Freitag und Sonnabend als Fahrstuhlbegleiter nicht nur Orientierungshilfe geben und den erhofften Besucheransturm etwas lenken, sondern auch so ganz nebenbei auf verschiedene Weise für Unterhaltung sorgen. „Bei Heimlicht spielt sich das wahre Leben ab“, sagt Uschi. Wobei manchmal nicht auszumachen sein wird, was Realität und was Inszenierung ist. Aber wie sagt Uschi treffend? „Im Grunde ist doch das ganze Leben Theater.“

Dresdner Neueste Nachrichten, 09.11.2012